In die kleine Wüste zu den Straußen

Lange vor der Reise stießen wir bei der Suche nach möglichen Unterkünften im Internet auf diesen romantischen alten und zum Hotel umfunktionierten Zug direkt am Strand von Mosselbay. Das sollte unser Stützpunkt für Ausflüge nach Oudtshoorn und entlang der Garden Route sein. Auf der Fahrt freuen wir uns schon auf das witzige Quartier. Bei Ankunft in strömendem Regen und bis ins Meer hängenden schwarzen Wolken steht dieser Zug dann da am Wasser wie das Ungeheuer aus der Schwarzen Lagune, und wir flüchten.
   So werden aus einem ursprünglich geplanten Ausflug nach Oudtshoorn zu den Straußen unverhofft vier unvergessliche Tage in der Kleinen Karoo. Ein Super-Quartier, nette Gastgeber mit den heißen Touren- und sonstigen Tipps und zum ersten Mal Afrika pur bis zum Horizont.
   Die Zeitangaben unseres Gastgebers für diverse Fahrten erweisen sich als etwas unrealistisch. Anstelle der geschätzten dreieinhalb Stunden Swartberg-Pass (steile Steinpiste mit engen Serpentinen), Prince Albert und zurück über De Rust brauchen wir locker
das Doppelte.
   Dafür erleben wir all das, was die Einheimischen sicher nicht mehr vom Hocker reißt, die an uns mit ihren 4WDs Staubwolken aufwirbelnd vorbei brettern: Kleinantilopen, bunte Vögel, Strauße, Schluchten aus schillerndem Schiefer, Berge in beginnendem Abendlicht - und diese Weite...Und irgendwann schleicht es sich gnadenlos ein: dieses gerne als kitschig bezeichnete Gefühl, dass einem das Herz richtig weit wird. Aber es ist ganz einfach so. Manche Anblicke hauen uns wirklich um.
   Nach unseren emotionalen Höhenflügen schwebt uns irgendwann eine ganz banale Kaffeepause vor. Prince Albert klingt gut. Wir brauchen dahin noch eine Zeit lang. Die Schatten sind dann allerdings schon verdammt lang, und Kaffee gibt’s auch keinen weit und breit.
   Aber egal: Die verwegene und ganz schön anstrengende Fahrt hat sich ganz alleine schon wegen diesem einen letzten Eindruck gelohnt, den wir auf unseren Rückweg mitnehmen und der für uns zum Inbegriff der Kleinen Karoo geworden ist: den Ausblick auf die Swartberge kurz vor Sonnenuntergang.
   Spät kehren wir zurück und ein beim Italiener „Godfather“. Auch diese Empfehlung erweist sich als Super-Tipp. Lindas Pasta ist 1A. Dass Hans die Grillplatte mit Bergzebra und Kudu ordert, irritiert Linda ein wenig. Sie verscheucht tapfer den Gedanken an anmutige Tiere. Schließlich sind wir keine Vegetarier, und bei uns essen die Leute auch Wild, was sollīs. Hat übrigens gut geschmeckt...




   Eine sehr spannende und vergnügliche Abwechslung zum Natur-pur-Erleben sind unsere Besuche einer Straußenfarm und der Cango Wildlife Ranch in Oudtshoorn.
   „Strauße sind absolut dumm“, so unser Farm-Besitzer. „Sie sind riesig, können äußerst aggressiv werden, einem mit einem Tritt den Bauch aufschlitzen, und außerdem ist ihr Fleisch kalorienarm und cholesterinfrei.“ Nach dieser knappen Einführung setzt sich unsere Gruppe in Bewegung.
   Der Farmer gewinnt zunehmend an Sympathie, als er „seinen Liebling Joey“ oder „seine Süße, Linda“ (auch das noch!...) streichelt, mit ihnen Schwätzchen abhält, kleine Kunststückchen vorführt und überhaupt auf einmal einen sehr liebevollen Eindruck macht. Eine mutige Spanierin traut sich, auf einem Vogel zu reiten. Linda stellt sich da lieber auf ein Gelege - das gehört zur Führung, wobei die Mama natürlich nicht daneben steht. Letztlich sind wir alle ganz begeistert, haben viel Interessantes erfahren und alle einen Riesenspaß gehabt.

   Die Cango Wildlife Ranch suchen wir nur deswegen auf, weil wir gelesen haben, dort könne man Cheetahs streicheln. Und das muss unbedingt sein!
   Wir verweilen eine Zeit lang am Gehege eines weißen Tigers, der sich offenbar ziemlich langweilt und sich freut, etwas Gesellschaft zu bekommen.
   Der Rundgang durch den kleinen Zoo führt unter anderem vorbei an Krokodilen in allen Größen, die, wie wir hören, leider den traurigen Weg zum Kotelett, zu Schuhen oder Handtaschen antreten werden. Wir freuen uns auf den Krüger Park.
   Launiger Abschluss der Tour - gegen ein geringfügiges Entgeld, das einem Zucht-
und Auswilderungsprogramm zu Gute kommt - ist die Begegnung mit den Geparden.
   Eine nette Lady führt uns zum Gehege mit zwei ausgewachsenen Exemplaren (Linda war überzeugt, man würde uns Babys auf den Schoß setzen). Als den beiden jungen Männern, die gerade mit Streicheln an der Reihe sind, nichts passiert - trotz klingelndem Handy im Hemd - sind wir etwas beruhigt.
   Ein wichtiger Verhaltensratschlag lautet - unter vielen anderen: Falls ein Tier einem wider Erwarten die Pranken ums Bein legen sollte, „Donīt panic“, will es nur spielen. Dann ganz langsam aufstehen und zurücktreten. Klasse!
   Wir gehen vorsichtig in die Hocke. Das Fell fühlt sich rau, warm und gut an. Die Mietzen schnurren, besser gesagt, brummen wie kleine Motoren. Als Hans' Mietze offenbar auf einmal spielen will, muss Linda ihn bewundern. Ohne eine Miene zu verziehen spult er das Notprogramm ab, und langsam lösen sich die Krallen aus seiner Hose.

   Unseren Karoo-Aufenthalt soll am letzten Tag eine Fahrt mit dem Outeniqua Train abrunden. Die Schmalspurbahn tuckert eine sehr malerische Strecke entlang, von George nach Knysna. Mit Zügen scheinen wir kein Glück zu haben. Es ist Sonntag, der einzige Tag, an dem der Bummelzug nicht fährt. Schade.
   Also machen wir uns einen faulen Tag in Mosselbay, stapfen am menschenleeren Strand entlang, trinken als einzige Gäste auf der Hotelterrasse Kaffee und gucken einfach nur aufs Meer hinaus, während im Hintergrund Cat Stevens von Katmandu singt.